Hans Bergers Versuchsanordnung zur Aufzeichnung des EEG

Jenaer Physik: Interdisziplinär

Auf geradem Weg zu diversen Schnittpunkten
Hans Bergers Versuchsanordnung zur Aufzeichnung des EEG
Foto: Universitätsarchiv Jena

Auf diesem Spaziergang begeben wir uns nahezu auf den gleichen Weg wie bei den Highlights der theoretischen Physik. Unser Fokus liegt hier allerdings auf Schnittstellen der Physik mit anderen Disziplinen.

Unser Startpunkt ist die Neugasse 24. In diesem Gebäude findet man heute das Institut für Mikrobiologie. Es wurde in den 1880ern zur Neugründung des physikalischen Instituts errichtet. Der erste Leiter des Instituts war Leonhard Sohncke (1842-1897). Anknüpfend an frühere meteorologische Arbeiten entwickelte er hier eine Erklärung von Gewittern. Der sogenannte Faraday-Sohncke-Effekt besagt, dass die Reibung zwischen Eis und Wasser eine äußerst ergiebige Spannungsquelle darstellt. Basierend auf den meteorologischen Verhältnissen, die vor Gewittern auftraten, schloss Sohncke, dass dieser Effekt einen bedeutenden Teil zu den Erscheinungen beitrug. Eine Erklärung, die sich einige Zeit großer Beliebtheit erfreute.

Auch die Jenaer Erdbebenforschung hat im Bestreben von Physikern ihren Ursprung. Unter Adolf Winkelmann und Rudolf Straubel wurde die erste Jenaer Erdbebenstation am Institut gegründet. Gehen wir nun im Schillergäßchen Richtung Innenstadt, kommen wir an deren zweiten Sitz vorbei. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zog die Erdbebenstation in die Kellerräume der Sternwarte. Der östliche Anbau (1903), der sogenannte Straubel-Flügel, hatte seine Begründung unter anderem in diesem Umzug.

Von hier aus begeben wir uns nun weiter Richtung Norden und folgen der Schillerstraße bis zum Leutragraben. Linker Hand liegt das ehemalige Zeisswerk, das heute als modernes Stadtzentrum auch eine Shopping-Mall und den Universitäts-Campus beherbergt. An den Zeisswerken finden sich weitläufige und unterschiedliche disziplinäre Überschneidungspunkte. Die technische Entwicklung von optischen Instrumenten, um ein Beispiel herauszugreifen, beruht mit auf hochwertigem Glas, damit auf Materialwissenschaften und Chemie. Nicht nur optische Feinmesstechnik, die in unterschiedlichsten Feldern eingesetzt wird, sondern auch medizinische Produkte und Brillengläser gehörten früh zum Sortiment des Unternehmens.

Von hier aus gehen wir wieder weiter Richtung Norden, queren den Fürstengraben und gehen den Philosophenweg entlang. Erst passieren wir den Johannisfriedhof. Hier liegt der Unternehmensgründer Carl Zeiß begraben. Auch Hans Bergers (1873–1941) Grab findet sich auf diesem Friedhof. Um uns seiner Arbeit zu nähern gehen wir noch einige Meter weiter zur heutigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, der ehemaligen Wirkstätte Bergers.

1924 konnte Berger das erste Enzephalogramm des Menschen aufzeichnen. Sein Labor war im Hufeld-Haus im Eingangsbereich des Klinikums untergebracht. Jenaer Physiker waren immer wieder an der Durchführung und Auswertung Bergers Experimentalprogramms beteiligt. Durch die umfangreiche Mitwirkung Jenaer Psychiater an der Zwangssterilisation von psychisch kranken Personen während der NS-Zeit werden allerdings dunkle Schatten über Bergers Laufbahn, damals Leiter des Klinikums, geworfen.

Wandern wir nun weiter Richtung Norden kommen wir zum Max-Wien-Platz und dem heutigen Hauptstandort der Jenaer Physik. An den Gebäuden im Helmholtzweg 3 und 5, heute Institut für Festkörperphysik beschließen wir unseren Spaziergang und kommen noch einmal auf die medizinische Anwendung physikalisch-technischer Neuerungen zurück. Abraham Esau, damals Direktor des Technisch-Physikalischen Instituts, und Erwin Schliephake, Privatdozent für Innere Medizin, entwickelten um 1930 zusammen die Kurzwellendiathermie: den therapeutischen Einsatz von kurzwelliger elektromagnetischer Strahlung zur zielgenauen Erwärmung von Gewebeschichten. Die Betatrons des Instituts, die Forschung mit dem Kreisbeschleuniger begann nach dem zweiten Weltkrieg, wurden auch zur Strahlentherapie eingesetzt. Sogenannte vollintegrierte Dünnschicht-SQUIDs, entwickelt im Bereich "Detektorenphysik", ermöglichen die genaue Messung von extrem schwachen magnetischen Feldern. Auch im menschlichen Körper werden schwache magnetische Felder, beispielsweise durch die elektrischen Impulse des Herzschlags und des Hirns, erzeugt. Deren Detektion stellt ein nichtinvasives, rein passives diagnostisches Werkzeug dar, das in Jena praktiziert und erforscht wird.