Nachruf auf Prof. Dr. Ernst Schmutzer

Der weltweit bekannte Experte für Relativtätstheorie und ehemaliger Rektor der FSU ist am 20.02.2022 verstorben.

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Schmutzer, Ernst (1930 -2022) Schmutzer, Ernst (1930 -2022) Foto: FSU Jena

Ernst Schmutzer (1930-2022)

– Ein Nachruf –

Am 20. Februar 2022, wenige Tage vor Vollendung seines 92. Lebensjahres, ist Professor Dr. Ernst Schmutzer verstorben.

Geboren am 26. Februar 1930 im böhmischen Labant, besuchte Ernst Schmutzer von 1941 bis 1946 das Gymnasium in Mies und die Oberschule in Weiden in der Oberpfalz. Seine aus der Heimat vertriebene Familie fand er erst 1947 in Waren-Müritz wieder. Von da ging er nach dem Abitur nach Rostock zum Physikstudium, das er 1953 mit einer Diplomarbeit über elektrolytische Lösungen abschloß. Angeregt wurden diese Untersuchungen wie auch die anschließende Beschäftigung mit der Theorie der Oberflächen- spannungen starker Elektrolyte von Ernst Schmutzers Doktorvater Hans Falkenhagen, an dessen Institut er auch nach seiner 1955 erfolgten Promotion für weitere zwei Jahre tätig war. Bereits damals faszinierte ihn die relativistische Physik, die er insbesondere durch seine Projektive Einheitliche Feldtheorie mit ihren Anwendungen in Kosmologie, Astrophysik und Geophysik erweiterte und bereicherte.

Seit 1957 war Ernst Schmutzer an der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig, wo er 1960 zum Professor für Theoretische Physik berufen wurde.
In dieser Zeit stellte er der Fachwelt noch vor anderen Autoren seine wegweisenden Ergebnisse zur Theorie der Spinoren und Bispinoren auf Riemannschen Mannigfaltigkeiten vor, mit denen er einen Beitrag zur Formulierung einer allgemein-relativistischen Quantenfeldtheorie leistete. Gleichzeitig entwickelte er einen Algorithmus, der es einem beliebig bewegten Beobachter erlaubt, seine Beobachtungs- und Meßergebnisse in räumliche und zeitliche Anteile aufzuspalten und so zu einer anschaulichen physikalischen Interpretation dieser Ergebnisse zu gelangen. Daneben entstanden auch interessante Arbeiten zur allgemein-relativistischen Thermodynamik und zur Elektrodynamik in Medien, sowie zur kovarianten Formulierung der Noetherschen Sätze, die den Zusammenhang zwischen Symmetrien und Erhaltungsgrößen aufdecken.
Ein Teil dieser Forschungsergebnisse fand Eingang in Ernst Schmutzers Lehrbuch Relativistische Physik von 1968.

In Jena fand Ernst Schmutzer ein Umfeld von motivierten Studenten und jungen Mitarbeitern vor, aus dem heraus er eine Schule von Gravitationsphysikern gründen konnte, die sich in der deutschen und internationalen Wissenschaftslandschaft sehr erfolgreich entfaltete. Auch in nachfolgenden Generationen fühlten sich immer wieder Physikstudenten nicht nur von dem wissenschaftlichen Gegenstand, sondern auch von Schmutzers Persönlichkeit und der Aussicht angezogen, von und mit den Mitarbeitern dieser Schule Physik lernen zu dürfen. Dabei war Schmutzer nicht nur eine Quelle der Inspiration, sondern bis ins hohe Alter auch ein Vorbild an Arbeitsfleiß.

Seine Vorlesungen waren gründlich vorbereitet, präzise gegliedert und hatten durch ihren konsequent deduktiven Aufbau sowie ihren mathematischen Anspruch ein hohes Niveau. Darüber hinaus vermittelten sie dem interessierten Hörer aber auch didaktische Grundsätze sowie wissenschaftstheoretische und -historische Kenntnisse zum Aufbau und zur Entwicklung unserer Wissenschaft. Auch aus diesen Vorlesungen sind Bücher hervorgegangen, von denen hier nur die 1989 erschienene Gesamtdarstellung der Theoretischen Physik in zwei Bänden erwähnt sei.
Ernst Schmutzers wissenschaftliches Werk umfaßt 11 Bücher, 250 Publikationen und die Edition von mehr als 30 Büchern und Monographien.

Es konnte nicht ausbleiben, daß Ernst Schmutzer viele Auszeichnungen und Ehrungen zuteil wurden und ihm im deutschen und internationalen Wissenschaftsbetrieb wichtige Aufgaben angetragen wurden. Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina wählte ihn 1969 zu ihrem Mitglied und zeichnete ihn 1977 mit ihrer Carus-Medaille aus. Beredter Ausdruck seines Strebens nach Überwindung der Isolation der ostdeutschen Wissenschaftler sind die vielen von ihm federführend gestalteten Konferenzen. Erinnert sei an die zahlreichen Seminarwochen im Thüringischen Georgenthal, an denen auch Fachkollegen aus dem Westen Deutschlands sowie aus Großbritannien, Dänemark, Italien und anderen Ländern teilnahmen. Hervorzuheben ist der 9. Weltkongreß der internationalen Gravitationsgesellschaft, den er 1980 nach Jena holte. Auch durch Einladungen zu Symposien der Leopoldina-Akademie eröffnete Ernst Schmutzer seinen jungen Mitarbeitern Zugänge zu jenem Teil der wissenschaftlichen Welt, der ihnen ansonsten gänzlich verborgen geblieben wäre.

Seinen Grundüberzeugungen folgend, nahm er nach der friedlichen Revolution mit dem Amt des ersten frei gewählten Rektors der Friedrich-Schiller-Universität die Mühen der Neugestaltung dieser Universität zu einer freien, modernen Bildungsstätte auf sich. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand kehrte Ernst Schmutzer mit ungebrochener Kreativität zur wissenschaftlichen Arbeit auf seinem bevorzugten Forschungsgebiet zurück, um den von ihm formulierten programmatischen Anspruch auf eine Weiterentwicklung der relativistischen Physik zu verwirklichen. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind in der Monographie Fünfdimensionale Physik niedergelegt, deren zweiter Band 2015 erschienen ist.

An Professor Schmutzers höchst erfolgreiches Wirken in Forschung und Lehre werden sich in diesen Tagen viele Kollegen, Mitarbeiter und Schüler in Jena und andernorts dankbar erinnern. Die Physikalisch-Astronomische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Christian Spielmann, Dekan
Bernd Brügmann, Direktor des Theoretisch-Physikalischen Instituts
Gernot Neugebauer
Karl-Heinz Lotze
Andreas Wipf
Gerhard Schäfer
Reinhard Meinel